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Info zu Unter den Wolken
“Unter den Wolken” muss die Freiheit wohl ziemlich eingeschränkt sein. Reinhard Mey benutzte die Wolkenmetapher 1974, um sich Freiheit als etwas Unirdisches vorzustellen. Die Hamburger Band SPORT macht es genau andersrum – lass uns nicht rumträumen, die Grenzen sind ja deutlich sichtbar, und wenn es nur die Wolken sind, lass uns lieber angucken, was innerhalb dieser Grenzen passiert und möglich ist.
Mit ihrem neuen, dritten Album ist der Gruppe SPORT ihr kompaktestes und stimmigstes Werk gelungen. Felix Müller, Sänger, Gitarrist und Songwriter, entwirft Szenarien des durch und durch Irdischen. Das Zwingende und das Notwendige, das Kleine-Fiese-Alltägliche, das Ungewisse, Kaputte, Nicht-Mehr-Funktionierende, das Schadhafte und das Fehlende - er interessiert sich mehr für das Defekte als für das Perfekte. Das allerdings mit großer Hingabe, ja fast schon missionarischem Eifer, mit Präzision und niemals von oben herab. Eine sehr angenehme Form von Mitgefühl prägt seine Texte und Figuren und hat sich auch in seine Stimme gelegt.
Diese Stimme wird getragen von einer Musik, die die drei Herren von SPORT recht deutlich abbildet. Das Leichtfüßig-Elegante und der Formwille Felix Müllers, das Nervös-Antreibende im Schlagzeugspiel Martin Boeters’ und das Massiv-Gewisse in Christian Smukals Bass. Es ist schon interessant, wie sich Persönlichkeiten in Musik formulieren und in Klängen wiederfinden.
Auch wenn es in den Songs um Defekte geht, die Band läuft sehr gut geölt. Und diese gewisse Gegensätzlichkeit prägt “Unter den Wolken”: Die Songstrukturen sind großflächig und mit langem Atem angelegt, wirken mitunter geradezu auskomponiert und neigen zur späten Überraschung; gefüllt sind sie dagegen mit einer lässigen Selbstverständlichkeit, einer beinahe beiläufigen Musikalität und Spielfreude, die sich die Band in den inzwischen zwölf Jahren ihres Bestehens hartnäckig angeeignet hat.
Eine solche Band beherrscht viele Ausdrucksformen. Es gibt die hingeschmissene Miniatur (“Bloß psychosomatisch“), aber auch das zunächst karge, dann aber mäandernde Epos (“Unter den Wolken“), klagende Balladen (“Der Schmerz“), schreiende Knaller (“Gehirnerschütterung“) und den potenziellen Hit (“Wir sind für euch da“). Das ganze basiert auf Rock, mit einem Hang zum Hardrock, aus der Zeit, als der noch warm war und dampfte. Die rhythmischen Dynamisierungen dieses Genres nutzen SPORT zum Schwungholen, zum Weitergehen, wo andere längst stehen geblieben wären.
Auf dem Cover des ersten SPORT-Albums, “These Rooms Are Made for Waiting“ aus dem Jahr 2001, sah man Seevögel über eine nordische Landschaft fliegen. Fünf Jahre später, zur Illustration der zweiten LP, “Aufstieg und Fall der Gruppe Sport“, sah man die Band in einem Ballon, von dem man nicht genau wusste, ob er denn auf- oder absteigt. Gut zu wissen, dass sie nun “Unter den Wolken” angekommen sind. Denn über das Irdische haben sie uns einiges mitzuteilen, was sonst und so kaum jemand hinbekommt.
Carsten Hellberg